Warum alles Bitten, alle Wut, alle Tränen, alle Drohungen sinnlos sind …

Gedanken zum Thema „aufhören“

In der Regel versuchen viele Alkoholiker einen Weg aus der Abhängigkeit zu finden oder wenigstens weniger zu trinken. Sie versuchen es immer wieder, aber es gelingt ihnen
nicht. Dafür gibt es mehrere Ursachen: Durch den anhaltenden intensiven Alkoholkonsum kommt es zu einer Anpassung des Körpers und der Psyche an das Suchtmittel. Der Betroffene verträgt dann mehr (Toleranzsteigerung). Wird in dieser Phase auf das Suchtmittel verzichtet, können unangenehme Begleiterscheinungen (Entzugserscheinungen) auftreten. Der Betroffene versucht, diese Entzugserscheinungen mit seinem Suchtmittel „zu bekämpfen“.

Ein Suchtmittelabhängiger ist ohne sein Suchtmittel kaum noch zu positiven Empfindungen fähig. Er ist ängstlich, gehemmt, aggressiv, voller Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle und fühlt sich unfähig, die täglichen Aufgaben des Lebens zu bewältigen. Wenn er erneut trinkt, vermindern sich diese Insuffizienzgefühle und verschwinden nach einer bestimmten Suchtmittelmenge ganz. Er fühlt sich den Aufgaben des Lebens wieder gewachsen. Aus Antriebslosigkeit wird Tatendrang, aus Höchstspannung wird Entspannung und aus Unsicherheit wird „Selbstsicherheit“. Alkohol wird zum „Lebenselixier„, zu einer „lebenserhaltenden Kraft“, er ist „Heilmittel“ und „Freund“ zugleich, und macht ein Leben erst möglich.

Anhaltender intensiver Alkoholkonsum führt zu einer Aktivierung des MEOS (mikrosomales ethanol-oxidierendes System) in der Leber. Dieses System ist dann zusätzlich und zunehmend zur normalerweise alkoholumsetzenden ADH (Alkoholdehydrogenase) für den Alkoholabbau in der Leber zuständig. Als Folge des aktiven MEOS können Alkoholiker größere Mengen an Alkohol umsetzen, und dadurch bedingt, auch „mehr vertragen“. Das MEOS ist schließlich für bis zu zwei Drittel des Alkoholumsatzes verantwortlich und wird auch nach längerer Abstinenz sofort wieder aktiviert. Diese Neuaktivierung wird als eine Ursache für das häufig zu beobachtende starke Verlangen nach größeren Alkoholmengen gesehen.

Als Mikrosomales Ethanol-oxidierendes System (MEOS) bezeichnet man einen von der Alkohol-Dehydrogenase unabhängigen Weg des Ethanolstoffwechsels in den Leberzellen. MEOS wurde 1968 zum ersten Mal von Lieber und DeCarli beschrieben. Bei chronischem Alkoholkonsum wird das MEOS induziert und baut neben der ursprünglichen Alkohol-Dehydrogenase Alkohol ab. Damit ist es ein Grundmechanismus der Toleranzentwicklung gegenüber der Substanz. Das MEOS-System mit seiner Überproduktion der gefährlichen freien Radikale ist auf zellulärer Ebene der Hauptgrund für die alkoholbedingten Schäden an der Leber und allen anderen Organen.

Durch das MEOS und die von ihm induzierten Cytochrome kann auch die Verstoffwechslung anderer Substanzen vermindert oder zu toxischen Metaboliten verschoben werden. Dies erklärt zum Beispiel nachteilige Arzneimittelreaktionen von chronisch Alkoholabhängigen. Außerdem interferiert das MEOS mit dem Fettstoffwechsel der Leberzellen und wird auch als eine Ursache der Entstehung der Fettleber gesehen.

Aufgrund der Enzymveränderung kann das Enzym ALDH nur langsam weiterverarbeitet werden und reichert sich zuerst in der Leber, dann im Blut an. Dies ist Ursache für die sog. „Flush-Symptome“: Die betroffenen Menschen leiden nach dem Konsum von Alkohol unter Herzrasen, einem roten Gesicht und Übelkeit.

MEOS hat eine Erinnerungsfunktion, d.h. wenn wieder Alkohol (nach Pause oder Entzug) getrunken wird, wird MEOS automatisch generiert und der Abbau ist dank MEOS sehr schnell. Der Druck, weiter zu trinken, wird dadurch verstärkt und der Rückfall mit noch größeren Mengen ist programmiert

Da durch das MEOS die Intoxikation (Vergiftung) des Körpers fortschreitet, wird es irgendwann unweigerlich zu multiblem Organversagen kommen. D.h. mehrere Organe, wie Bauchspeicheldrüse, Leber usw. funktionieren nicht mehr.
Durch die Folgeerscheinungen kommt es zum völligen Zusammenbruch des gesamten körperlichen Systems. Wegen des veränderten Stoffwechsels schlagen schließlich auch keine Medikamente mehr an.

Ratschläge, Ermutigungen aber auch Vorwürfe: „Du wirst doch wohl genug Kraft haben, ein Bier stehen zu lassen …“ oder „Du musst nur wollen, dann kannst du aufhören …“, sind zwecklos. Der Abhängige kann aus den zuvor erwähnten Gründen nicht mehr aus eigener Kraft auf den Alkohol verzichten. Bei jedem Rückfall weiß er, dass er wieder „versagt“ hat. Halten die Ratschläge und Vorwürfe aus dem sozialen Umfeld an, glaubt er irgendwann selbst, ein willenloser Schwächling zu sein und gibt den Kampf auf.

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