Ein Betroffener bietet Hilfe zur Selbsthilfe

„Null Alkohol, ein Leben lang, Null Risiko und Null Toleranz“

von Torsten Hübler (Trokkenpresse)

In seinem zweiten Buch zum Thema Alkoholsucht wendet sich Burkhard Thom den mitbetroffenen Angehörigen zu, daneben geht es auch um Rückfallvermeidung und einen Beitrag zur aktuellen Diskussion reale Selbsthilfegruppe oder facebook-Gruppe.

In seinem 2016 erschienen Titel „Alkohol – Die Gefahr lauert überall“ befasste sich der Autor noch mit seiner persönlichen Saufgeschichte, den alkoholischen Gefahren, die die Lebensmittelindustrie für den Abstinenzwilligen bereithält und dem kulinarisch guten Leben ohne Alkohol in Speis und Trank.

Zu Beginn seines zweiten Werkes stellt er seine persönliche Motivation, nicht nur anderen Alkoholikern zu helfen, sondern auch dieses Buch zu schreiben, dar. Er zeigt das Alkoholelend in Deutschland mit Millionen Alkoholkranken, tausenden Alkoholtoten und einer vielfach höheren Anzahl an betroffenen Menschen im Umfeld der Kranken. Schließlich fordert auch er, wie fast alle Suchtexperten in Deutschland: Alkoholsteuererhöhungen, Beschränkung der Alkoholverfügbarkeit, Änderung der StVO, mehr Jugendschutz, Beschränkung der Alkoholwerbung und mehr Aufklärung.

Beim ersten Thema des Ratgebers, der Rückfallvermeidung, nimmt er den potentiell ersten Irrtum eines Alkoholkranken aufs Korn: Das allenthalben verbreitete Märchen vom kontrollierten Trinken für Süchtige. Und stellt klar, dass nur Abstinenz zum Stillstand der Krankheit führt. Dieser Weg führt über die Entgiftung, Entwöhnung und eventuell Nachsorge gradlinig in die Selbsthilfegruppe. Viele Mediziner werden ihm zustimmen, aber die aktuelle S3-Leitlinie zur Behandlung Suchtkranker sieht schon in der Konsumreduktion einen Behandlungserfolg und nach dieser S3-Leitlinie wird in den Kliniken behandelt. Kommerziellen „Beratern“, deren Interessen weniger dem Wohlergehen der Klienten gelten, erteilt er mehrfach eine klare Absage. Der Auslöser für einen Rückfall können alkoholkontaminierte Speisen sein, hierüber schreibt Thom nicht nur ausführlich in seinem Buch, sondern in dieser Ausgabe der TrokkenPresse. Er beschreibt seinen Kampf, Alkohol verbindlich auf den Speisekarten der Gastronomie zu kennzeichnen.

Auch die nächste Hürde für ein abstinentes Leben wird benannt, Medikamente. Viele Medikamente enthalten Alkohol als Lösungs- und Konservierungsmittel. Der Verfasser beschreibt, dass er beim Aufwachen von einer Notoperation Entzugserscheinungen hatte, der behandelnde Arzt bestätigte ihm, dass alkoholische Medikamente verabreicht wurden. Wissenswert ist auch die Ausführung über „mehrwertige Alkohole“, die chemiesystematisch zwar Alkohole sind, aber auf den Menschen eine andere Wirkung haben und daher nicht jugend- und abstinenzgefährdend sind. Ein relativ neues und bisher übersehenes Problem benennt Thom. E-Zigaretten, sie beinhalten auch ein alkoholisches Risiko, da einige der Nikotin-Liquide Alkohol als Lösungs- und Stabilisierungsmittel enthalten, mit dem Erhitzen verdampfen und so in den Körper gelangen.

Es folgen zehn Grundregeln zum Vermeiden des Rückfalls, die lobende Vorstellung von www.suchthilfeapp.de sowie die Vorstellung dreier Mentaltechniken zur Unterstützung der Abstinenz. Zu Schluss des Kapitels stellt er das Lotsennetzwerk, über das die TrokkenPresse schon mehrfach berichtete, vor. Stabil trockene Süchtige helfen, lotsen gerade erst trocken werdende Süchtige nach der Entgiftung oder Entwöhnung wieder im normalen, aber dieses Mal trockenen Leben anzukommen und zu bleiben. Der Kern der Selbsthilfe.

Beim zweiten Thema des Buches weitet Thom den Blick von den Suchtkranken zu den meist vergessenen Kollateralbeschädigten des Suffs. Bedingt durch seine persönliche Unterstützungstätigkeit für Alkoholiker kommt Burkhard Thom natürlich auch mit den ersten Opfern der Alkoholkrankheit in Kontakt, den Kindern, Ehepartnerinnen und -partnern, Eltern und dem gesamten durch die Sucht beschädigten Umfeld. Die sogenannten „Co-Abhängigen“, im Buch werden sie meist treffender „Mitbetroffene“ genannt, sind im klassischen Suchthilfesystem nicht vorgesehen, im Zentrum steht der Süchtige, die Erkenntnis, dass Sucht eine Familienkrankheit ist und auch so behandelt werden muss, setzt sich erst langsam durch. Den Mitbetroffenen bleiben meist nur die Angehörigen-Selbsthilfegruppen, wie sie z.B. NACOA oder Al-Anon anbieten. In der professionellen Suchthilfe werden sie wenig berücksichtigt, da es keine Finanzierung von den Kranken- oder Rentenkassen gibt. In diesem Teil kommen ausführlich Mitbetroffene zu Wort, die Alkoholsucht eindrücklich aus der Perspektive der nichtsüchtigen, aber doch stark beeinträchtigten Mitbetroffenen schildern.

Im Schlusskapitel wird faktenreich abgewogen zwischen realer Selbsthilfegruppe oder Gruppe in den sozialen Netzwerken. Letzt und endlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Einen wichtigen Rat gibt er den Suchenden aber auf den Weg, im realen Leben und ebenso im Cyberspace sollte man sich mehrere Gruppen anschauen, denn es gibt nicht DIE Gruppe, die Art und Weise der Gruppen ist so unterschiedlich wie die Menschen, die die Gruppen ausmachen.

Thom hat wieder eine Mischung aus Ratgeber und (Mit-)Betroffenenbericht verfasst, der nicht nur einzelne Aspekte im Alkoholhochkonsumland Deutschland thematisiert, sondern Betroffene und Mitbetroffene thematisiert. Insofern ist dem Titel eine breite Leserschaft zu wünschen.

Torsten Hübler

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